Psychotherapie: Beobachten. Verstehen. Handeln.
Das Problem
Psychotherapie findet im Gespräch statt.
Und doch wissen wir erstaunlich wenig darüber, wie dieses Gespräch tatsächlich funktioniert.
Theorien liefern Modelle.
Manuale liefern Techniken.
Aber sie beantworten nicht die zentrale Frage der Praxis:
Was geschieht genau in diesem Moment – und was mache ich jetzt?
Zwischen Theorie und Handlung klafft eine Lücke.
Diese Lücke ist kein Defizit. Sie ist der Ort der Therapie.
Unser Ansatz
JUNKTIM versteht Psychotherapie als interaktionales Geschehen, nicht als Anwendung von Technik.
Das Gespräch ist kein Transportmittel für Inhalte.
Es ist selbst der Gegenstand.
Wir fragen:
→ Wie wird Bedeutung im Gespräch hergestellt?
→ Wie entwickeln sich Sequenzen von Äußerungen?
→ Wo zeigen sich Affekt, Widerstand, Übertragung – im realen Verlauf?
Damit verschiebt sich die Perspektive:
Nicht was gesagt wird ist entscheidend, sondern wie, wann und in welchem Zusammenhang.
Konversationsanalyse als Methode
JUNKTIM arbeitet mit Verfahren der Konversationsanalyse und Interaktionsforschung.
Das bedeutet:
- Analyse von Audio- und Videoaufnahmen realer Sitzungen
- sequenzielle Rekonstruktion von Gesprächsverläufen
- Verzicht auf spekulative Zuschreibungen innerer Zustände
- Orientierung am beobachtbaren Material
Konversationsanalyse ist damit eine beobachtende Wissenschaft:
Sie zeigt, wie soziale Wirklichkeit im Moment entsteht – und wie therapeutische Wirkung interaktional hervorgebracht wird.
Das JUNKTIM-Selbstverständnis
JUNKTIM knüpft an Freuds Idee des „Junktim von Heilen und Forschen“ an – und führt sie weiter:
Praxis und Forschung werden nicht getrennt, sondern methodisch miteinander verschränkt.
Ziel ist die Ausbildung einer Fähigkeit, die in vielen Ausbildungen zu kurz kommt:
- präzises Sehen
- differenziertes Hören
- situatives Verstehen
Denn:
Gespräche sind flüchtig, vielstimmig und hochdynamisch – und keine Theorie kann vorhersagen, was im nächsten Moment zu tun ist.
Wie wir arbeiten
1. Arbeit mit realen Daten
- Video- und Audioaufnahmen
- wiederholte Analyse
- detaillierte Transkripte
2. Gruppenanalyse
- mehrere Perspektiven auf dieselbe Situation
- Irritation statt Bestätigung
- Sichtbarmachung blinder Flecken
Andere hören und sehen anders und genau darin liegt das Lernpotenzial.
3. Sequenzielle Rekonstruktion
- Was folgt worauf und mit welcher Wirkung?
- Wo kippt eine Situation?
- Wo entsteht etwas Neues?
Warum das wichtig ist
Psychotherapie wird zunehmend standardisiert.
Diagnosen, Leitlinien, Manuale dominieren.
Gleichzeitig bleibt unklar:
- wie Veränderung konkret zustande kommt
- wie therapeutische Entscheidungen situativ getroffen werden
JUNKTIM setzt hier an:
Therapie ist kein Schema, sondern ein Prozess, der sich im Gespräch entfaltet.
Konversationsanalyse macht diesen Prozess sichtbar, überprüfbar und lernbar.
Für wen?
Therapeut:innen
- Verfeinerung der klinischen Wahrnehmung
- präziseres Arbeiten im Moment
- jenseits von Theorieanwendung
Forscher:innen
- Zugang zu hochkomplexer Interaktion
- empirische Untersuchung realer Praxis
- Verbindung von Mikroanalyse und klinischer Relevanz
Ausbilder:innen & Supervisor:innen
- Nutzung audiovisueller Daten
- Analyse realer Situationen statt Fallnarrative
Was entsteht daraus?
- eine neue Form klinischer Kompetenz
- eine Brücke zwischen Praxis und Wissenschaft
- eine empirisch fundierte Beschreibung von Therapie
Nicht als Theorie über Therapie, sondern als Analyse dessen, was tatsächlich geschieht.
Literatur
Grundlagen Konversationsanalyse
- Sacks, H. (1992). Lectures on Conversation.
https://archive.org/details/lecturesonconver0001sack - Schegloff, E. A. (2007). Sequence Organization in Interaction.
https://doi.org/10.1017/CBO9780511791208 - Sidnell, J., & Stivers, T. (2013). The Handbook of Conversation Analysis.
https://doi.org/10.1002/9781118325001 - Bergmann, J. R. (1987)
Klatsch: Zur Sozialform der diskreten Indiskretion
https://doi.org/10.1007/978-3-531-90415-0
Konversationsanalyse in der Psychotherapie
- Peräkylä, A. (2019). Conversation Analysis and Psychotherapy.
https://doi.org/10.1146/annurev-soc-073117-041427 - Buchholz, M. B.; Bergmann, J. R.; Alder, M.-L.; Kächele, H. (2016)
Architekturen der Empathie – Erste Erfahrungen aus einem konversationsanalytischen Projekt
https://www.academia.edu/29195090 - Alder, M.-L., Brakemeier, E.-L., Dittmann, M. M., Dreyer, F., & Buchholz, M. B. (2016)
Fehlleistungen als Empathie-Chance
https://doi.org/10.1007/s00729-015-0056-1 - Dittmann, M. M. (2016)
Moving closer: A Conversation Analytic Perspective on Closing Encounters
https://doi.org/10.7565/landp.v5i2.1560 - Alder, M.-L. (2016)
Dream-Telling Differences in Psychotherapy: The Dream as an Allusion
https://doi.org/10.7565/landp.v5i2.1558 - Stukenbrock, A.; Deppermann, A.; Scheidt, C. E. (2021)
The art of tentativity: Delivering interpretations in psychodynamic psychotherapy
https://doi.org/10.1016/j.pragma.2021.01.028 - Dreyer, F., & Franzen, M. M. (2021)
How to move on after silences: Addressing thought processes to restart conversation
https://doi.org/10.4324/9780429350900-21 - Buchholz, M. B., Alder, M.-L., Dreyer, F., & Franzen, M. M. (2022)
Sprechen und Schweigen in der Psychotherapie: Unterwegs zu einem kommunikativen „turn“
https://doi.org/10.1007/s00278-021-00563-w - Dreyer, F. (2022)
Gestaltorientierungen in der Psychotherapie: rekurrente Orientierungen am Modell und ihre therapeutische Wirksamkeit.
https://doi.org/10.6094/UNIFR/226941 Franzen, M. M., & Alder, M.-L. (2023)
Sprechen als therapeutisches Handeln: Zur Notwendigkeit der Verknüpfung von Forschung und klinischer Praxis
https://doi.org/10.30820/9783837979251-513- Franzen, M. M., Alder, M.-L., Dreyer, F., Köpp, W., & Buchholz, M. B. (2023)
Being Right vs Getting It Right – Orientation to Being Recorded in Psychotherapeutic Interaction
https://doi.org/10.3389/fpsyg.2023.1254555 - Pfänder, S.; Schumann, E.; Freyburger, P.; Behrens, H.; Buchheim, A. (2024)
Participation practices in mother-child interactions: longitudinal case studies
https://doi.org/10.1007/s10212-023-00787-1 - Scheidt, C. E.; Stukenbrock, A.; Deppermann, A. (2024)
Therapeutische Veränderungen in Traumerzählungen
https://doi.org/10.21706/ps-78-11-1032
Evidenzdebatte / Psychoanalyse
- Shedler, J. (2010). The efficacy of psychodynamic psychotherapy.
https://doi.org/10.1037/a0018378 - Fonagy, P. et al. (2015). What Works for Whom?
https://www.guilford.com/books/What-Works-for-Whom/Fonagy/9781462519262
Zur Notwendigkeit eines JUNKTIM
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